Der Franzose

Sein wahres Gesicht und warum wir ihn trotzdem mögen

Durch Nicht-Intervention erhaltete alte Schrift Warum wir den Franzosen mögen und warum wir dauernd bei ihm Urlaub machen? Nun, wegen seines Savoir vivre, seiner Bonne cuisine und seines Laisser faire. Und wegen der weithin unverbauten Landschaft und der meist idyllischen Ortszentren. Was der deutsche Heimwerker über Generationen mit unermüdlichem Fleiß zu immer neuer Scheußlichkeit formt, mit Eternitplatten, Klinkern und Fachwerk-Imitat, das lässt der Franzose von selbst schön werden. Durch Nicht-Intervention.

Dorfkneipe und Lidl à la France

Autowrack in verwildertem Garten Nun ist unser Franzosen-Bild aber noch ein bisschen zu abgerundet, es fehlen die Kanten und Ecken. Beginnen wir doch mit dem An-Ecken bei der Bonne cuisine. Dass davon in den meisten Restaurants von Ganges nicht mehr zu schmecken ist als im durchschnittlichen deutschen Dorfgasthof - geschenkt. Aber der Franzose privat! Nun, da gibt es ja gleich hinter der Stadtgrenze von Ganges einen Lidl-Markt. Da kaufen nur Deutsche und Engländer ein? Falsch! Die meisten an der Kasse sehen nach Mittelstands-Franzosen aus, von denen man liebend gerne zum Essen eingeladen würde. Und was liegt neben ihnen auf dem Band? Fertigpizza, Industriekäse, Chemiekekse, wässriges Sonderangebots-Fleisch - der ganze Triss, mit dem man seine Kinder besser nicht füttert, wenn sie nicht schon im Grundschulalter adipös werden sollen.

Spargel so trocken, Pepperon so fern

Spargel! Es scheint hier üblich zu sein, die geernteten Stangen ein paar Tage schrumpeln zu lassen, bevor sie verkauft werden. In der Regel kannst Du die untere Hälfte allenfalls für eine Suppe auskochen, aber nicht essen.

Demoliertes Blech-Häuschen Schinken! An und für sich gibt es ganz köstlichen Luftgetrockneten. Es gibt ihn in vielen Lokalen als Entrée. Eine Scheibe nur, so dick wie der kleine Finger. Hast Du schon einmal bei einem französischen Metzger "ganz dünn" oder "extra fein" geschnittenen Schinken bestellt? Was Du daraufhin bekommst, würde man einem deutschen Metzger an den Kopf werfen. Aber bitte nicht hier – es ist hier nicht Sitte, den Schinken hauchdünn aufzuschneiden.

Pepperoni! Diese zentrale Zutat der mediterranen Küche findest Du hier nur alle Schaltjahr einmal im Supermarkt. Auch andere Dinge fehlen im Regal, das aber wohl infolge einer Marktabschottung, die 70 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge recht bizarr erscheint. Dass in der Grande Nation du Vin neben den französischen keine italienischen Tropfen stehen (oder gar deutsche, geschweige kalifornische), das quittieren wir durchaus noch mit einem verständnisvollen Augenzwinkern. Aber…

Überteuerte Plörre und verschrumpelte Äpfel

Regal voller mieser Bier-Sorten Bier! Neben dem auch geschmacklich sehr dünnen französischen Sortiment gibt es belgische sowie in Lizenz gebraute holländische und mexikanische Plörre, jedoch kein deutsches Bier. Aber Rettung naht! Kleine handwerkliche Brauereien schießen aus gutem Grund wie die (Hefe-) Pilze aus dem Boden. Alleine im Hérault sollen es, Stand 2021, schon über 30 sein. In Ganges gibt es eine, 500 m weiter, in Laroque, auch. Aber - da sind wir bei Champagner-Preisen!

Äpfel! Sie gelten hier fast so sehr als Alleinstellungs-Merkmal wie der Wein, besonders die regionalpatriotisch gefeierten Reinettes. Und die sind ja auch ganz köstlich, frisch geerntet oder, nun gut, bis ins neue Jahr hinein. Aber noch im Frühling, selbst im Sommer quälen sie uns alternativlos mit diesem dann runzligen und mehligen Patriotismus-Obst. Frische Äpfel aus Übersee? Gibt es nicht!

Der Geist von Louis XIV

SNCF-Fahrplanauskunft? Nur betrunken zu ertragen!

Merkantilistische Marktzustände wie unter Louis XIV setzen sich freilich von den Bier- und Obstregalen bis zum Bahnverkehr, dem Strom und der Telefonie fort. Andernorts sind, dem EU-Recht entsprechend, Firmen aus halb Europa auf den Gleisen, im Strom- und Telefonnetz unterwegs. In Frankreich dagegen zuckelt wie vor 70 Jahren fast ausschließlich der Staatsmonopolist SNCF über die Gleise. Und Strom gibt es alternativlos vom Staatskonzern EDF, als Atom- und Kohlestrom.

Und wenn dann doch einmal ein Konkurrent zum Staatskonzern zugelassen wird, dann ist es der Konzern eines französischen Multimilliardärs. So darf der Mischkonzern Bouygues mit der France Télécom um Breitband-Anschlüsse konkurrieren. Aber diese Privatkonzerne sind im vereinten Europa ebensowenig angekommen wie die staatlichen. Und machen vor allem dem Nicht-Franzosen den Alltag zur Hölle.

Tellerrand Landesgrenze

Beispiel Bouygues: Du möchtest als Deutsche einen Telefonanschluss in Frankreich anmelden. Tja, dazu brauchst du ein Girokonto in Frankreich. Hä, wieso? Ist so. Und dann brauchst du eine französische Handy-Nummer. Hä, du willst doch erst ein Telefon in Frankreich anmelden, wie könntest du da bereits eines haben? Egal, dann musst du dir halt einen Franzosen suchen, der mit seinem Handy aushilft. Denn für jeden Geschäftsvorgang, Anmeldung des Anschlusses, später: Konto einsehen, Überweisung beauftragen - für jeden Scheiß schicken sie einen Login-Code auf das Handy deines französischen Freundes.

Es sei denn, du meldest dann auch noch ein zusätzliches Handy bei Bouygues an, obwohl du es nicht brauchst. Denn auch die Hotline kannst du nur von einem französischen Telefon aus anrufen. Telefonrechnung per Einzugsermächtigung von einem deutschen Konto bezahlen? Geht nicht! Per Überweisung? Geht auch nicht, weil sie ihre IBAN hüten wie ein Staatsgeheimnis und dich wie eine feindliche Macht behandeln, wenn du danach fragst. Da ist Bouygues nun leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel, ganz gleich, ob Staats- oder Privatkonzern.

Damit zum Sympathiebegriff Laisser faire, dessen glänzende Medaillen-Seite von Toleranz kündet und davon, dem Anderen seine Eigenheiten zu lassen. Zur Rückseite zählt der Umgang mit einer Freizeitbeschäftigung, die vornehmlich ältere Herren mit Garten ausüben:

Schwelbrände und Hundekacke

Franzose beim Tal-Einstänkern Feuerchen! Vordergründig geht es um die Beseitigung von Grünabfällen. In Wirklichkeit aber handelt es sich um einen sportlichen Wettbewerb, wer ein ganzes Städtchen und Tal am längsten in eine möglichst dichte, stinkende Wolke hüllen kann. Die Grünabfälle werden dafür gut feucht gehalten, und gerne wird ein wenig Plastikmüll untergemischt. Das gibt dem Qualm eine Farbnote wie nach dem Bombenangriff auf die Raffinerie. Selbst wenn sie von Husten- und Asthma-Anfällen geschüttelt werden, die Leute scheinen diesen Qualm als gottgegeben hinzunehmen.


In den Gassen passiert eine echte Sauerei! Hundescheiße! Darüber schimpft, von einigen "Tierfreunden" abgesehen, wirklich fast jeder Franzose, den du fragst. Denn wer hat sich, zumal in Ganges, nicht schon mehrmals diese widerlich stinkende Pampe von den Schuhen spülen und kratzen müssen? Aber einen Hundehalter deswegen zurechtweisen? Mais non! Das macht höchstens der deutsche oder englische Zweitwohnungs-Besitzer, und darf der sich hier etwa so aus dem Fenster lehnen?

Ja, warum fahren wir eigentlich in solch ein Land? Weil wir ihn eben doch mögen, den Franzosen, mitsamt seinen Macken!